Zur Person (Deutsch)

 Michel Meyer wurde 1956 in Stuttgart geboren. Er begann in 1978 seine Ausbildung am Kommunikationsdesign und Illustration in Darmstadt. Meyer ist seit 1985 selbständig als freier Maler und Illustrator in Weinheim.

Seine Malerei ist eine Gratwanderung zwischen Figur und Abstraktion, seine prägnanten Köpfe erlauben symbolhaft einen Blick hinter die Kulissen der menschlichen Psyche. "Seine Malerei eröffnet uns eine Nebenwelt, die nur eine Handbreit neben der unseren existiert und manches Mal unmerklich Überlappungszonen ausbildet. Mal karikaturhaft verzogen, dann wieder mit wunderbar leiser Poesie kommt sie daher und ist oft von lapidarer Prägnanz, die den Nagel auf den Kopf trifft" (Dr. Martin Stather).


Text von Heiko Ernst über die Ausstellung "Das Studium der Romantik"
Michel Meyer gibt dieser Ausstellung den Titel eines seiner Bilder Das Studium der Romantik, er gibt ihr und sich damit ein Leitmotiv vor. Ist die Suche nach Romantik eingestandenermaßen und tatsächlich ein Leitmotiv seines Schaffens? Oder ist er ein romantisierender Postmoderner, ein Teilzeitromantiker, der uns mal eben auf eine falsche Fährte lockt? Was ja schon wieder, nun ja, ein bisschen romantisch wäre. Denn    „ ... die romantische Kunst gefällt sich in unauflöslichen Mischungen; alle Entgegengesetzten, Natur        und Kunst, Poesie und Prosa, Ernst und Scherz, Erinnerung und Ahnung, Geistigkeit und Sinnlichkeit ... veschmilzt sie auf das innigste miteinander“ schrieb August Wilhelm Schlegel. Bingo!    

Erinnern wir uns auch an die Definition eines Novalis: „Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es. Umgekehrt ist diese Operation für das Höhere, Unbekannte, Mystische, Unendliche – dies wird durch diese Verknüpfung logarithmisiert. Es bekommt einen geläufigen Ausdruck.“  

Die Techniken, Kunstgriffe und Sujets des romantischen Repertoires sind bekannt. Romantisch inspirierte Künstler lieben das Spiel mit Spuren, Fragmenten, Andeutungen. Sie arbeiten mit dem Natur- und Traumhaftem, mit den Primärprozessen und Tiefenschichten der Seele, aber auch mit ironischen Bre-chungen, mit Magie, Mystik, Sehnsucht und Verzauberung.   

Versuchen wir also, Michel Meyer (auch) als einen Romantiker zu verstehen. Seine besondere Sicht der Welt wird die unsere beim Betrachten seiner Werke: Da ist, erstens, der „logarithmische Modus“ – wir können mit ihm das hinter dem alltäglichen Bilder- und Informationsmüll Verborgene zum Vorschein bringen, das Noch-nicht-Gesehene sichtbar machen, das Verdeckte ent-decken. Aber auch umgekehrt, im eigentlich romantischen Sinn funktioniert die Meyersche Malerei: das Bekannte und Vertraute wird auf  überraschende Weise verfremdet und verzaubert. Beim Betrachten stellt sich immer wieder ein (meist freudiger) Schock einer plötzlichen Erkenntnis ein. Und darin besteht das eigentliche Vergnügen, der eigentliche Genuss in Michel Meyers Bildern.

Sie sind, wie kann es anders sein, zweidimensional. Sie erlauben jedoch immer neue Vorstöße in die „Tiefe des Raumes“, in die dritte, ja vierte oder fünfte Dimension. Sie entziehen sich jeder endgültigen Entschlüsselung, man hat sie trotz vielfacher Aha!-Effekte nie ein für alle mal „begriffen“. Weil sie ihre Rätsel für sich behalten werden sie, bei aller technischen Kunstfertigkeit und bei aller kompositorischen Harmonie, niemals zur Dekoration, zum Wandschmuck. Man könnte auch sagen: Sie werden nie, niemals langweilig. Sie bleiben auf sanfte, aber umso nachdrücklichere Weise provokativ. Unsere Projektionsbereitschaft findet immer neue Anlässe, das Unbewusste findet immer neue Reize.

Ich möchte diese Betrachtungsmöglichkeit, die Michel Meyer in seinen Bilder bietet, das „kumulative Sehen“ nennen: Der methodische Stil dieser Bilder besteht im vielfältig variierten Seriellen (die Plankton-Serie etwa, oder Die Monde), er findet sich in den Zitate- und Collage-Elementen (z.B. Herzland, Nachbarn), in den Komposita aus Menschen, Tieren, Sensationen (z.B. Kohlhaas, China Cat Sunflower, Souterrain). Eines kommt zum anderen, die Entdeckungen und Lesarten häufen sich, überlagern sich, verdrängen sich, und eine durchaus wohlige Verwirrung entsteht. 

In der scheinbaren Ordnung von Linien, Feldern und Farben haust allerdings – und das ist höchst romantisch! – das Wilde und Archaische, das Spontane und Unordentliche. Michel Meyer stehen alle Standards der akademischen Malerei und der Grafik zu Gebote, aber sie sind für ihn nicht mehr als Hilfslinien oder Spielmaterial bei höherer (oder tieferer?) künstlerischer Absicht, nämlich einer modern-mythisierenden. Man betrachte das namensgebende Bild (Das Studium der Romantik). Oder die Rote Figur – ein scheinbar reduziertes, „einfaches“ Bild, aber man erahnt die kunstgeschichtlichen Einflüsse und Vorläufer, die diese Gestalt, die uns da rot aus Rot entgegentritt, möglich machten.

Eine meyer-typische Konstante blieb, zum Glück, auch in diesen neuen Bildern (alle entstanden zwischen 2006 und 2009) der Humor: Die Lust an der Karikatur, am Comic- und Cartoonhaften (z.B. die Minnies), am Liebevoll-Grotesken (Ananasgedicht, Bubenjahre) verleiht Michel Meyers Malerei bei aller (neo-) romantischen Grundmelodie einen Ton von Leichtigkeit und wohltuendem Unernst und schützt sie so davor, auf eine missverständliche Art allzu romantisch zu werden: nämlich auf die teutonische: gloomy, zerrissen, verquält. Das Gegenteil ist der Fall. Um es ganz klassisch zu sagen: Ernst ist das Leben, heiter sei die Kunst!

 Heiko Ernst

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